Kommentar: Gilt die Grundidee des Tor Projekts heut noch?

von Richard Werner, Business Consultant bei Trend Micro

 

 

 

 

 

Nach der NSA erlebten nun offenbar auch russische Geheimdienste ihren Leak. Hackern der Gruppe 0v1ru$ gelang es nach eigenen Angaben die Firma SyTech, ein Lieferant von Cyberprogrammen für den russischen Geheimdienst Federal Security Service FSB, zu infiltrieren und etwa 7,5 TB an Daten zu entwenden. Deren Analyse gibt vermutlich Einblick in die Arbeit und Vorgehensweise russischer Geheimdienste und ist deshalb für die westliche Welt hochspannend. Einem Bericht des BBC zufolge behauptet die Hackergruppe, dass sie Informationen über Versuche der russischen Geheimdienste gefunden haben, das Tor-Netzwerk zu entschlüsseln, um beispielsweise Personen im Darkweb beobachten zu können.

Um die Bedeutung dieser Nachricht einordnen zu können, ist es wichtig zu verstehen, worum es sich beim Tor-Netzwerk eigentlich geht. Das Tor-Projekt (ursprünglich: The Onion Router) wurde Anfang der 2000er Jahre mit offizieller Unterstützung der amerikanischen Regierungsbehörden entwickelt und sollte seinen Nutzern vollständige Anonymisierung bieten, um ihnen freien Meinungsaustausch zu ermöglichen und sie beispielsweise vor staatlicher Verfolgung zu schützen.

Leider ist Anonymisierung ein zweischneidiges Schwert, denn Tor zog nur allzu schnell auch die Falschen an. Heute finden sich im Tor Netzwerk neben Freiheitsdenkenden leider auch immer mehr Kriminelle. Man spricht daher auch vom Darkweb – vom dunklen Netz. In Deutschland erlangte das Darkweb traurige Berühmtheit, als 2016 bekannt wurde, dass ein damals 18-jähriger Münchner Schüler sich die Waffe darin besorgt hatte, mit der er anschließend neun Jugendliche erschoss.

Schon immer wurde kontrovers diskutiert, inwieweit das Tor-Netzwerk eine Daseinsberechtigung hat. Wenn, wie berichtet, russische Behörden versuchten, Personen und ihre Schritte im Darkweb zu überwachen, gibt es genau diesen Zwiespalt. Ging es um eine Strafverfolgung Krimineller, so muss man zugeben, dass auch westliche Organisationen schon längst Tor de-anonymisiert haben. So wurde in der Zusammenarbeit mehrerer polizeilicher Organisationen unter Führung des amerikanischen FBI ein Teil des Tor-Netzes bereits 2014 entschlüsselt, und die Verfolgung führte zur Verhaftung mehrerer Straftäter.

Straftäter oder unliebsame Querdenker

Die Herausforderung bei der Beurteilung der aktuellen Nachricht, besteht in der Definition dessen, was als Verbrechen gilt. Denn während die Untersuchung des FBI die Aufdeckung und Trockenlegung eines der erfolgreichsten Drogenumschlagplätze zum Ziel hatte, liegt der Verdacht nahe, dass russische Geheimdienste vor allem politisch motivierte Tor-Nutzer überwachen wollten.

Doch auch diese Motivation lässt sich heutzutage nicht mehr eindeutig bewerten: Nach den Erfahrungen mit islamistischen Terroristen und Neonazis gilt auch für die westliche Welt nicht mehr uneingeschränkte Begeisterung, wenn diese Gruppierungen eine Plattform haben, über die sie gefährliches Gedankengut austauschen und Mitstreiter rekrutieren können. Andererseits sind „politisch Andersdenkende“ nicht immer Terroristen, und in manchen Gegenden der Welt benötigen sie eine anonyme Plattform. Genau das war die ursprüngliche Grundidee des Tor-Projekts.

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