Online-Marktplätze und das florierende Geschäft mit Fake News

Originalbeitrag von Lion Gu, Vladimir Kropotov, and Fyodor Yarochkin, Senior Threat Researchers

Von Fake News war letztes Jahr relativ selten die Rede – bis der US-Wahlkampf eine Flut von Falschmeldungskampagnen auslöste. Trotz ihrer ungebremsten Verbreitung sind Fake News nur eine Facette heutigen Methoden zur Manipulation der öffentlichen Meinung und von Cyber-Propaganda. Ob es sich nun um ein Unternehmen handelt, das versucht, für eine Marke zu werben, oder um eine politische Partei, die der Allgemeinheit ihre Werte und Ideale aufdrängen möchte – das Motiv heutiger Informationskriege ist häufig die Beeinflussung der öffentlichen Meinung. Der neueste Forschungsbericht von Trend Micro „The Fake News Machine: How Propagandists Abuse the Internet and Manipulate the Public“ befasst sich intensiv mit diesem Phänomen.

Der Bericht untersucht auch, wie eine Gruppe mit der nötigen Motivation und entsprechenden finanziellen Mitteln, über soziale Netzwerke sowie geeigneten Online-Promotion-Tools und -Services derartige Kampagnen wirksam ins Rollen bringen kann. Diese Komponenten bilden das so genannte „Fake-News-Dreieck“, das die Grundlage für alle erfolgreichen Falschmeldungskampagnen und Operationen zur Manipulation der öffentlichen Meinung ist.

Bild 1. Das Fake-News-Dreieck

Darüber hinaus untersuchten die Forscher die Online-Marktplätze und -Services, die entscheidend zum Erfolg von Fake-News-Kampagnen beitragen. Diese analysierten Marktplätze in China, Russland, dem Nahen Osten und dem englischsprachigen Raum weisen zwar gewisse regionale Unterschiede auf. Aber man bekommt hier preiswert praktisch alles: Werbekampagnen in sozialen Netzwerken, gefälschte Kommentare und sogar die Manipulation von Online-Abstimmungen. Erstaunlicherweise werden Fake-News-Kampagnen nicht immer über autonome Bots ausgeführt, sondern auch von realen Personen im Rahmen groß angelegter Crowdsourcing-Programme.

Cyber Kill Chain in Fake-News-Kampagnen

Der Bericht führt außerdem vor, wie Falschmeldungs- oder Manipulationskampagnen mit Hilfe des „Zyklus der öffentlichen Meinungsbildung“ strukturiert und effizient ausgeführt werden können. Eine Reihe verfügbarer Online-Dienstleistungen unterstützt dabei jede Phase. Diese Struktur basiert auf der bekannten Cyber Kill Chain von Lockheed Martin, allerdings übertragen auf die Meinungsmanipulation. Typisches Beispiel: eine Schlüsselgeschichte wird vorbereitet und mit zusätzlichen Begleitstories während der Bewaffnungsphase ins Netz gestellt – noch vor dem Einsatz von Online-Diensten zur Massenverteilung.

Bild 2: Zyklus der öffentlichen Meinungsbildung

Diskreditierung eines Journalisten für 55.000 $

Als hypothetisches Beispiel dient hier eine Gruppe, die einen Journalisten zum Schweigen bringen und seinen Ruf schädigen möchte. Angenommen, dieser bekannte Journalist hat an die 50.000 Twitter-Follower, 10.000 Facebook-Freunde und veröffentlicht Artikel mit durchschnittlich 200 Kommentaren pro Post.

Mithilfe einer Reihe von Dienstleistungen, die über Online-Marktplätze zu erwerben sind, kann die Gruppe eine vierwöchige Fake-News-Kampagne zur Diffamierung des Journalisten aufbauen. Einmal wöchentlich können Falschmeldungen in Auftrag gegeben werden, die den Journalisten in ein schlechtes Licht rücken. Für eine rasante Verbreitung sorgen zum Beispiel 50.000 Retweets und Likes sowie 100.000 Klicks – alles für nur 2.700 $ pro Woche.

Die Gruppe kann auch Kommentare kaufen, um Glaubwürdigkeit vorzutäuschen. Der Kauf beginnt beispielsweise mit 500 Kommentaren, von denen 400 positiv, 80 neutral und 20 negativ sind. Manipulatoren, die 1.000 USD in einen derartigen Service investieren, erhalten dafür 4.000 Kommentare. Sobald eine gewisse Glaubwürdigkeit aufgebaut wurde, ist es Zeit für den Angreifer, seine Verleumdungskampagne zu starten. Die „Vergiftung“ eines Twitter-Kontos durch 200.000 Bot-Follower kostet 240 USD. Eine Bestellung von insgesamt 12.000 Kommentaren mit vorwiegend negativen Stimmungen und Referenzen bzw. Links zu gefälschten Geschichten zur Diffamierung des Journalisten kosten um die 3.000 USD. Dislikes und negative Kommentare zu einem Artikel des Journalisten und eine entsprechende Verstärkung dieser Aktion durch 10.000 Retweets oder Likes und 25.000 Klicks werden auf den von uns untersuchten Online-Marktplätzen für ca. 20.400 USD angeboten.

Das Ergebnis? Für ungefähr 55.000 USD erreichen die Manipulatoren, dass Nutzer, die die gefälschten Inhalte dieser Kampagne lesen, sehen und weiter recherchieren, einen negativen und bruchstückhaften Eindruck von dem betroffenen Journalisten erhalten, der ihre Meinung prägt. Noch erschreckender jedoch ist, dass die eigentliche Geschichte oder die Themen, die der Journalist darlegen oder aufklären wollte, vollkommen in der Flut negativer Stimmungsmache dieser Kampagne untergehen. 

Das hier dargelegte Szenario mag nur spekulativ sein, aber reale Fälle dieser Art sind an der Tagesordnung. Ein trauriges Beispiel bot vor kurzem erst eine Journalistin aus Mexiko, die Opfer einer derartigen Verleumdungskampagne wurde.

Gegenmaßnahmen
Natürlich sind Meinungsmache und die Verbreitung von Gerüchten nichts Neues. Die Forschung von Trend Micro untersucht die zugrunde liegenden, langjährigen Theorien. Seit jeher werden mit jedem neu aufkommenden Kommunikationsmittel vorherige Methoden abgelöst. Gleichzeitig tritt jedoch auch unweigerlich eine Phase der Nachbesserung und Regulierung ein. Ob Druckerpresse, Radio, Fernsehen oder jetzt das Internet – die Gesellschaft braucht immer erst eine gewisse Zeit, um Erfahrung im Umgang mit dem neuen Medium zu sammeln, bevor Selbstregulierung und neue soziale Normen greifen. Genau das zeigt sich heute zum Beispiel in den verzweifelten Bemühungen von sozialen Netzwerken und Regierungen gegen die massenhafte Verbreitung von Fake News vorzugehen.

Der Forschungsbericht bietet außerdem Best Practices für die bessere Erkennung von Fake News und Minderung von deren Wirkung. Auch stellt der Bericht die Analysemethoden, die die Forscher zur Aufdeckung der Manipulationskampagnen in sozialen Netzwerken verwendet haben, dar. Die Kenntnis dieser Methoden kann Institutionen wie Regierungen und seriösen Medienhäusern helfen, Fake News wirksam zu bekämpfen. Kritisches Denken ist unerlässlich – nicht nur, um die Wahrheit herauszufinden, sondern auch, um die Gesellschaft für zukünftige Generationen nachhaltig intakt zu halten.

Die gesamten technischen Details und Erkenntnisse zu Fake News und Meinungsmanipulation finden sich in dem Forschungsbericht „The Fake News Machine: How Propagandists Abuse the Internet and Manipulate the Public“.

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